Hand aufs Herz: Wie oft habt ihr Menschen schon behauptet, ihr würdet uns verstehen? Ihr interpretiert unser Miauen, erklärt unsere Schlafgewohnheiten und seid überzeugt, ganz genau zu wissen, warum wir gerade auf die Tastatur, in den Wäschekorb oder mitten auf den frisch gefalteten Pullover springen. Aber wisst ihr wirklich, wie wir Katzen die Welt sehen?
Genau dieser Frage widmet sich der britische Verhaltensforscher John Bradshaw in seinem Buch „Die Welt aus Katzensicht – Wege zu einem besseren Miteinander“.* Er nimmt euch Menschen mit auf eine spannende Reise in die Welt der Katzen und erklärt, was Wissenschaft und Verhaltensforschung über unsere Vorfahren, unsere Sinne, unsere Gefühle und unser Zusammenleben mit euch Menschen herausgefunden haben.
Und glaubt mir: Da gibt es einiges zu lernen!
Worum geht es in dem Buch?
John Bradshaw beschäftigt sich mit der Geschichte der Hauskatze und der Frage, wie aus einem selbstständigen Jäger ein beliebter Mitbewohner des Menschen wurde. Dabei wird deutlich, dass wir zwar schon lange mit Menschen zusammenleben, aber längst nicht alle unsere ursprünglichen Instinkte abgelegt haben.
Der Autor beleuchtet, wie wir unsere Umwelt wahrnehmen, wie wir lernen, welche Rolle unsere frühen Erfahrungen spielen und wie sich unser Verhalten erklären lässt. Auch unsere Beziehung zu Artgenossen und Menschen wird betrachtet.
Besonders interessant finde ich, dass Bradshaw dazu anregt, die menschliche Perspektive einmal beiseitezuschieben. Denn nur weil wir etwas anders machen als Menschen, heißt das noch lange nicht, dass mit uns etwas nicht stimmt.
Wir sind schließlich keine kleinen Menschen mit Fell. Wir sind Katzen!
Was können unsere Menschen von uns lernen?
Für mich stecken in diesem Buch einige besonders wichtige Gedanken, die jeder Katzenhaushalt beherzigen sollte.
1. Wir brauchen keine Dressur, sondern Verständnis
Ihr Menschen erwartet manchmal, dass wir uns genauso verhalten, wie ihr es für richtig haltet. Wir sollen nicht kratzen, nicht auf den Tisch springen, nachts nicht herumtoben und bitte auch nicht genau dann miauen, wenn unser Personal gerade telefoniert.
Dabei haben viele unserer Verhaltensweisen ganz natürliche Ursachen. Kratzen dient beispielsweise der Krallenpflege, der Kommunikation und der Markierung unseres Reviers. Spielen und Jagen gehören ebenfalls zu unserem natürlichen Verhaltensrepertoire.
Bradshaws Tipp an euch Zweibeiner: Statt unerwünschtes Verhalten einfach zu verbieten, überlegt euch, welches Bedürfnis dahinterstecken könnte. Nur mit Schimpfen kommt ihr bei uns in der Regel nämlich nicht sehr weit. Ein attraktiver Kratzbaum, spannende Jagdspiele oder ein gemütlicher Rückzugsort sind da deutlich hilfreicher.

2. Wir sehen und hören die Welt anders
Unsere Sinne unterscheiden sich deutlich von denen der Menschen. Wir nehmen Geräusche wahr, die euch möglicherweise gar nicht auffallen, und können uns bei schwachem Licht besser orientieren als ihr.
Was für euch wie eine völlig harmlose Alltagssituation aussieht, kann für uns deshalb ganz anders wirken. Ein plötzliches Geräusch, ein ungewohnter Geruch oder eine Veränderung in unserer Umgebung kann uns verunsichern.
Bradshaws Tipp: Achtet auf unsere Körpersprache und respektiert es, wenn wir Abstand brauchen. Eine Katze, die sich zurückzieht, möchte vielleicht einfach ihre Ruhe haben. Und nein, ihr müsst uns nicht sofort aus unserem Versteck hervorlocken, nur weil ihr uns gerade nicht sehen könnt.
3. Auch wir haben Gefühle
Wir Katzen sind keine Maschinen, die ausschließlich auf Futter und warme Schlafplätze programmiert sind. Unsere Erfahrungen beeinflussen, wie wir auf euch Menschen, andere Tiere und neue Situationen reagieren.
Gerade frühe Erfahrungen können prägen, wie viel Vertrauen eine Katze zu Menschen entwickelt. Manche von uns gehen offen auf Fremde zu, während andere lieber erst einmal aus sicherer Entfernung beobachten.
Bradshaws Tipp: Gebt uns Zeit! Nicht jede Katze wird zur verschmusten Schoßkatze, und das ist völlig in Ordnung. Vertrauen lässt sich nicht erzwingen. Es wächst, wenn wir uns sicher fühlen und unsere Grenzen respektiert werden.
4. Zusammenleben mit anderen Katzen ist nicht immer einfach
Viele Menschen glauben, Katzen seien grundsätzlich Einzelgänger und bräuchten deshalb keine Artgenossen. Andere wiederum sind überzeugt, dass zwei Katzen automatisch beste Freunde werden.
Die Wirklichkeit ist etwas komplizierter. Wie gut wir mit anderen Katzen zurechtkommen, hängt unter anderem von unserer Persönlichkeit, unseren Erfahrungen, unserer Beziehung zueinander und den Bedingungen in unserem Zuhause ab.
Bradshaws Tipp: Wenn mehrere Katzen unter einem Dach leben, sollten genügend Ressourcen vorhanden sein. Dazu gehören getrennte Futter- und Wasserstellen, sichere Rückzugsorte, erhöhte Liegeplätze und ausreichend Toiletten. Wichtig ist auch, dass wir einander ausweichen können, ohne ständig aneinander vorbeizumüssen.
Und bitte bedenkt auch folgendes: Nur weil wir uns nicht gegenseitig putzen und zusammen im Körbchen schlafen, heißt das nicht automatisch, dass wir unglücklich sind. Ein friedliches Nebeneinander kann ebenfalls eine gute Katzenbeziehung sein. Bobby und ich zum Beispiel machen nicht viel zusammen. Das liegt wohl auch an unserem großen Altersunterschied. Aber trotzdem mögen wir uns und liegen oft zusammen im Bett neben unserem Menschen.

5. Unsere Menschen sollten unsere Bedürfnisse ernst nehmen
Wir sind Jäger, Beobachter, Kletterkünstler und gelegentlich leidenschaftliche Sofakissen. Ein abwechslungsreicher Alltag ist deshalb wichtig für unser Wohlbefinden.
Dazu gehören Möglichkeiten zum Spielen und Jagen, geeignete Kratzgelegenheiten, gemütliche Schlafplätze und Orte, an denen wir unsere Umgebung beobachten können. Auch Beschäftigung mit unseren Menschen kann uns guttun – sofern wir selbst entscheiden dürfen, wann wir genug haben.
Bradshaws Tipp: Macht eure Wohnung zu einem kleinen Katzenparadies. Schon einfache Dinge wie Kartons, Fummelbretter, Spielangeln und sichere Aussichtspunkte können unseren Alltag bereichern.
Mein Fazit: Lohnt sich das Lesen?
Ich finde die Grundidee des Buches richtig gut: Menschen sollten uns nicht nur beobachten, sondern versuchen, unser Verhalten aus unserer eigenen Perspektive zu verstehen.
Bradshaw verbindet die Geschichte der Katze mit Erkenntnissen aus der Verhaltensforschung und erklärt, warum unsere wilden Vorfahren noch immer in uns stecken. Das macht das Buch besonders für Menschen interessant, die mehr über unsere natürlichen Bedürfnisse und unsere Beziehung zu ihnen erfahren möchten.
Allerdings ist es kein reines Unterhaltungsbuch mit lustigen Katzengeschichten. Wer schnelle Antworten auf einzelne Alltagsprobleme sucht, könnte manche Passagen als recht ausführlich oder wissenschaftlich empfinden. Auch Leser, die sich schon intensiv mit Katzenverhalten beschäftigt haben, werden nicht in jedem Kapitel völlig neue Erkenntnisse entdecken.
Dafür regt das Buch dazu an, vertraute Verhaltensweisen noch einmal zu hinterfragen. Und manchmal ist genau das der wichtigste Schritt zu einem besseren Zusammenleben.
„Die Welt aus Katzensicht“* ist eine lesenswerte Empfehlung für alle Menschen, die ihre Katzen nicht einfach nur halten, sondern wirklich verstehen möchten.
Das Buch erinnert daran, dass wir unsere eigenen Bedürfnisse, Instinkte und Persönlichkeiten mitbringen. Wir müssen nicht in jede menschliche Vorstellung passen, um glückliche und liebenswerte Mitbewohner zu sein.
Wenn ihr nach der Lektüre beim nächsten nächtlichen Sprint durch die Wohnung nicht mehr sofort an Erziehungsversagen denkt, sondern euch fragt, ob wir vielleicht einfach unsere fünf Minuten haben, dann hat das Buch schon etwas bewirkt.
Und wenn ihr künftig genauer hinschaut, bevor ihr entscheidet, was wir angeblich wollen, umso besser!
In diesem Sinne: Bleibt neugierig, respektiert unsere Eigenheiten und vergesst niemals, wer hier eigentlich das Sagen hat.
Buchtipp auf einen Blick
- Titel: Die Welt aus Katzensicht – Wege zu einem besseren Miteinander *
- Autor: John Bradshaw
- Themen: Katzengeschichte, Wahrnehmung, Gefühle, Sozialverhalten und Zusammenleben mit Menschen
- Für wen? Für Katzenneulinge ebenso wie für erfahrene Katzenmenschen, die ihr Wissen vertiefen möchten
- Unser Urteil: Ein informativer Denkanstoß für ein verständnisvolleres Miteinander zwischen zwei- und vierbeinigen Mitbewohnern.
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